Die zwei Gefangenen |
|
Einmal saßen einige Freunde von Herrn Balaban beisammen, da sagte einer: "Wir sind doch alle arme Hunde. Wir sollten einen Verein gründen, um uns gegenseitig zu helfen." "Lasst mich in Ruhe mit Vereinen", sagte ein anderer. "Wenn jeder dafür sorgt, dass es ihm selber gut geht, dann wird es allen gut gehen." Eine Weile stritten die Freunde, ob das wahr sei, was der letzte gesagt hatte. Dann fragten sie Herrn Balaban nach seiner Meinung. "Manchmal stimmt es, denke ich. Wenn zwei gleich starke Männer in den Nusshain gehen und Nüsse sammeln, dann ist es wohl besser, wenn jeder für sich sammelt. Denn würde jeder für den anderen sammeln, dann würden sie sich vielleicht denken: Ach, wozu soll ich mich plagen. Auch wenn ich mich noch so anstrenge, werde ich doch nur die Nüsse kriegen, die mein Partner gesammelt hat. Und so werden sich vielleicht beide weniger anstrengen, als wenn jeder für sich gesammelt hätte, und beide werden weniger Nüsse haben. Aber oft sind die Schicksale der Menschen so miteinander verknüpft, dass jeder seinen eigenen Vorteil sucht und dabei den Schaden für alle vergrößert." "Wie kann denn das sein?" fragten die Freunde. Da gab ihnen Herr Balaban das folgende Rätsel auf: "In Samarkand wurden einmal zwei Diebe gefangen, die eine Gans gestohlen hatten. Timur Lenk ließ sie in zwei verschiedene Zellen sperren, so dass sie sich nicht miteinander verständigen konnten. Dann ging er zum ersten und sagte: Höre, ihr zwei habt eine Gans gestohlen, dafür gebühren euch 20 Stockhiebe. Es ist nicht angenehm, aber man überlebt es. Nun weiß ich aber sicher, ihr habt nicht nur diese Gans gestohlen, sondern auch zwei goldene Becher aus meinem Palast. Dafür könnte ich euch hinrichten lassen. Das hätte für mich nur einen Nachteil: Ich würde so meine goldenen Becher nicht wiederbekommen. Ich könnte das Geständnis aus euch herausfoltern, aber ich habe mir etwas anderes ausgedacht. Pass genau auf: Wenn du den Diebstahl der Becher gestehst, und verrätst, wo ihr sie versteckt habt, dann lasse ich nur deinen Komplizen hinrichten, dich aber lasse ich laufen. Ihm werde ich freilich dieselbe Möglichkeit bieten. Wenn er gesteht, und du nicht, dann lasse ich ihn laufen, und du wirst hingerichtet. Es könnte natürlich sein, dass ihr beide gesteht. In diesem Fall könnte ich natürlich keinen von euch laufen lassen. Aber ich würde gnädig sein und jedem von euch nur die rechte Hand abhacken lassen. Und wenn keiner von uns gesteht? fragte der Gefangene, der übrigens wirklich mit seinem Komplizen gemeinsam auch die Becher gestohlen hatte. Nun, sagte Timur, "dann würde es bei den 20 Stockschlägen für die gestohlene Gans bleiben. Was", fragte Herr Balaban seine Freunde, "sollte der Gefangene eurer Meinung nach tun?" "Und sie können sich nicht miteinander verständigen?" "Nein", sagte Herr Balaban, "Timur hat darauf geachtet, dass sie sich auf keine Weise verständigen können." "Er sollte den Mund halten und darauf vertrauen, dass sein Kumpel auch nichts sagt", sagte einer. "Wie kann er darauf vertrauen", sagte ein anderer. "Es ist ganz sicher, dass sein Kumpel gestehen wird." "Warum denn das?" "Weil es für den Kumpel auf jeden Fall besser ist, zu gestehen. Pass auf, nennen wir die zwei Ahmed und Bülent. Also: Wenn Ahmed gesteht, ist es für Bülent besser, auch zu gestehen, sonst wird er hingerichtet. Wenn Ahmed nicht gesteht, ist es für Bülent auch besser, zu gestehen, denn dann wird er freigelassen. Also weiß Ahmed, dass Bülent gestehen wird. Also wird auch Ahmed gestehen, denn sonst wird er hingerichtet. Sollte es aber sein, dass Bülent nicht gesteht, umso besser für Ahmed, denn dann wird er freigelassen." "Ja, aber das Ergebnis ist, dass beiden die Hand abgehackt wird. Wo sie doch beide mit zwanzig Stockschlägen hätten davonkommen können." So debattierten sie noch stundenlang, aber sie konnten zu keinem anderen Ergebnis kommen. "Und das eben habe ich gemeint", sagte Herr Balaban. "Indem sie ihren eigenen Vorteil suchen, vergrößern sie den Schaden für beide." "Aber was hätten sie denn tun sollen, deiner Meinung nach?" "Sie hätten miteinander reden sollen und sich gegenseitig versprechen, zu schweigen", sagte Herr Balaban. "Aber du hast doch gesagt, sie können nicht miteinander reden!" "Sie hätten eben einen Wärter bestechen sollen, damit er Briefe oder Botschaften hin- und herträgt. Sie hätten meinetwegen einer Maus einen Zettel an den Schwanz binden sollen oder einen dressierten Papagei von Zelle zu Zelle fliegen lassen. Sie hätten alles versuchen sollen, um sich miteinander zu verständigen, denn wenn die Menschen es nicht schaffen, sich zu verständigen, dann wird es immer so bleiben, dass sie den Vorteil für sich suchen und dabei den Schaden für alle vergrößern." |