Martin Auer: Der seltsame Krieg, Geschichten für die Friedenserziehung

   
 

Der seltsame Krieg

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Angst
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Der seltsame Krieg
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Im Krieg
Geschichte von einem guten König
Bericht an den Rat der Vereinten Sonnensysteme
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Auf einem fremden Planeten oder in einer anderen Zeit gab es einmal zwei Länder, die hießen Hüben und Drüben. Es gab noch andere Länder wie Nebenan und Weitfort, aber diese Geschichte handelt von Hüben und Drüben.

Eines Tages hielt der Oberstgewaltige von Hüben eine Ansprache an seine Bürger. Er sagte, dass das Land Hüben von dem Land Drüben bedrängt würde und dass die Hübener nicht mehr länger zusehen könnten, wie das Land Drüben mit seiner Grenze das Land Hüben drückte und einengte.

„Sie liegen so dicht an uns, dass uns nicht einmal mehr Platz zum Schnaufen bleibt!" schrie er. „Nicht das kleinste Bisschen können wir uns rühren. Sie sind nicht bereit, ein bisschen zu rücken, ein bisschen Platz zu machen, uns ein wenig Bewegungsfreiheit zu gönnen. Aber wenn sie dazu nicht bereit sind, dann werden wir sie eben zwingen müssen.

Wir wollen keinen Krieg. Wenn es nach uns geht, gibt es den ewigen Frieden. Aber es geht leider nicht nach uns. Wenn sie nicht bereit sind, mit ihrem Land ein wenig von uns wegzurücken, dann zwingen sie uns ja zum Krieg. Aber wir lassen uns den Krieg nicht aufzwingen. Wir nicht! Wir werden nicht zulassen, dass sie uns zwingen, unsere besten Söhne sinnlos zu opfern, damit unsere Frauen zu Witwen, unsere Kinder zu Waisen werden! Darum müssen wir die Macht von Drüben brechen, bevor sie uns zwingen, einen Krieg anzufangen. Und darum, Mitbürger, um uns unserer Haut zu wehren, um den Frieden zu schützen, um unsere Kinder zu retten, erkläre ich hiermit in aller Form dem Staat Drüben den Krieg!"

Die verwirrten Hübener sahen erst einander an. Dann sahen sie ihren Oberstgewaltigen an. Und dann sahen sie die Sonderpolizeitruppen mit den Panzerhelmen und Vernichtungsstrahlern an, die den Platz umstanden, und klatschten begeistert Beifall und schrien: „Hoch der Oberstgewaltige! Nieder mit denen von Drüben!"

Und der Krieg begann.

Noch am selben Tag überschritt die Armee von Hüben die Grenze. Es war ein gewaltiger Anblick. Die Panzerfahrzeuge sahen aus wie riesige eiserne Drachenfische. Sie walzten alles nieder, was sich ihnen in den Weg stellte. Aus ihren Kanonenrohren konnten sie Granaten schießen, die alles zerfetzten, und giftige Gase blasen, die alles umbrachten. Jedes ließ hinter sich einen hundert Meter breiten Streifen Tod.

Vor ihnen lag ein blühender Wald, und hinter ihnen lag nichts mehr.

Wo die Flugzeuge flogen, wurde der Himmel dunkel, und wer darunter stand, fiel angstgeschüttelt auf sein Gesicht, bloß von dem Lärm. Und wo ihr Schatten hinfiel, da fielen auch ihre Bomben hin.

Zwischen den Riesenflugzeugen am Himmel und den Panzerfahrzeugen am Boden surrten Schwärme von Hubschraubern wie kleine, bösartige Mücken. Die Soldaten aber sahen aus wie stählerne Kampfroboter in ihren Schutzanzügen, die sie unempfindlich machten gegen Kugeln, Gas, Gift und Bazillen.

In ihren Händen trugen sie schwere Kampfapparate, die tödliche Geschosse versprühen konnten, oder Laserstrahlen, die alles zerschmolzen.

So marschierte die unaufhaltsame Armee von Hüben, um jeden Feind erbarmungslos niederzumachen. Doch seltsam  sie fand keinen Feind.

Am ersten Tag drang die Armee zehn Kilometer ins feindliche Gebiet ein, am zweiten Tag zwanzig. Am dritten Tag überquerte sie den großen Fluss. Überall fand sie nur verlassene Dörfer, abgeerntete Felder, ausgeräumte Fabriken, leere Lagerhäuser. „Sie verstecken sich, und wenn wir an ihnen vorbei sind, überfallen sie uns von hinten!" brüllte der Oberstgewaltige. „Durchsucht alle Heuschober und alle Misthaufen!"

Die Soldaten durchstöberten die Misthaufen, aber alles, was sie dabei fanden, waren haufenweise Ausweispapiere: Personalausweise, Geburtsurkunden, Heimatscheine,

Reisepässe, Impfzeugnisse, Immatrikulationsbescheinigungen, Rundfunkgebühren-ermäßigungs-berechtigungsscheine, Hundesteuerentrichtungsnachweise und hunderterlei andere Dokumente. Und aus allen Lichtbildausweisen waren die Fotos herausgerissen. Was das bedeuten sollte, konnte sich niemand erklären.

Ein großes Problem waren die Wegweiser. Sie waren abmontiert oder verdreht oder übermalt, aber manche stimmten auch, so dass man sich nicht einmal darauf verlassen konnte, dass sie falsch waren. Immer wieder gingen Soldaten verloren, ganze Kompanien verliefen sich, Divisionen führen in die Irre, und so mancher verlassene General schickte fluchend Motorradfahrer in alle Richtungen, um seine Soldaten zu suchen. Der Oberstgewaltige musste sofort alle Vermessungsbeamten und Geographielehrer von Hüben zum Militär einberufen, damit das eroberte Land ordentlich beschriftet werden konnte.

Am vierten Tag des Feldzuges machte die Armee von Hüben ihren ersten Gefangenen. Es war aber kein Soldat, sondern ein Zivilist, den sie im Wald gefunden hatten mit einem Pilzkorb überm Arm. Der Oberstgewaltige ließ ihn persönlich zu sich zum Verhör kommen. Der Gefangene sagte, dass er Hans Müller heiße und von

Beruf Pilzesammler sei. Seinen Ausweis, sagte er, hätte er verloren, und wo die Armee von Drüben sei, das wisse er nicht.

In den nächsten Tagen nahm die Armee von Hüben einige Tausend Zivilisten fest. Alle hießen Hans oder Lieschen Müller, und alle hatten keine Ausweise. Der Oberstgewaltige tobte.

Schließlich besetzte die Armee von Drüben die erste größere Stadt. Überall sah man Soldaten, die Straßennamen an die Wände pinselten. Die Stadtpläne hatte man vom Geheimdienst kommen lassen müssen. Durch die Eile gab es natürlich viele Irrtümer, und manche Straßen hießen auf der linken Seite anders als auf der rechten, und am oberen Ende anders als am unteren. Ständig irrten suchende Kompanien durch die Stadt, voraus ein fluchender Feldwebel mit dem Stadtplan in der Hand. Überhaupt funktionierte in der Stadt gar nichts. Das Elektrizitätswerk arbeitete nicht, das Gaswerk, das Telefon, nichts funktionierte.

Der Oberstgewaltige ließ sofort bekannt machen, dass es verboten wäre zu streiken und dass alle sofort an die Arbeit zu gehen hätten.

Die Leute gingen auch in die Fabriken und Büros, aber es funktionierte trotzdem nichts. Wenn die Soldaten hinkamen und fragten: „Warum wird hier nicht gearbeitet?", dann sagten die Leute: „Der Herr Ingenieur ist nicht da" oder „Der Meister ist nicht da" oder „Die Frau Direktor ist nicht da".

Aber wie sollte man die Frau Direktor finden, wenn alle Lieschen Müller hießen?

Der Oberstgewaltige ließ verkünden, dass jeder erschossen würde, der nicht seinen richtigen Namen und Titel sagte. Da nannten sich die Drübener nicht mehr Müller, sondern irgendwie, aber was half das schon.

Je weiter die Armee in das Land vordrang, desto schwieriger wurde alles. Es war schon bald kein frisches Essen für die Soldaten aufzutreiben, alles musste von Hüben gebracht werden. Die Eisenbahn funktionierte nicht, die Eisenbahner standen herum, führen sinnlos mit den Loks hin und her. Die Zugführer stritten sich um die Waggons, und natürlich waren alle Chefs, die sich auskannten, verschwunden. Niemand konnte sie finden.

Den Soldaten tat niemand was. Da wurden sie bald unvorsichtig, liefen mit offenen Panzerhelmen herum und plauderten mit den Leuten. Und die Leute von Drüben, die alles Essbare vor den Beschlagnahmekommandos der Armee versteckten, teilten ihr bisschen Essen mit den einzelnen Soldaten oder tauschten mit ihnen frischen Salat oder selbstgebackenen Kuchen gegen Konserven; denn davon hatten die Soldaten genug, und sie hingen ihnen zum Hals heraus.

Als der Oberstgewaltige das erfuhr, kriegte er einen Tobsuchtsanfall und verbot allen Soldaten, ihre Unterkünfte zu verlassen, außer, wenn sie im Trupp auf Patrouille gingen. Das gefiel den Soldaten nicht.

Schließlich besetzte die Armee die Hauptstadt von Drüben. Aber auch hier war alles wie überall in diesem Land. Es gab keine Straßenschilder, keine Hausnummern, keine Namensschilder an den Türen, keine Direktoren, Ingenieure, Meister, keine Polizisten und keine Beamten. Die Ministerien waren leer und alle Akten verschwunden. Wo die Regierung war, wusste niemand.

Da beschloss der Oberstgewaltige endlich hart durchzugreifen. Er ließ verlautbaren, dass alle Erwachsenen in ihre Betriebe und Büros gehen sollten. Wer zu Hause bliebe, würde erschossen.

Dann ging er selbst ins Elektrizitätswerk und ließ alle Soldaten und Offiziere dorthin kommen, die zu Hause mit Elektrizitätswerken zu tun hatten. Er hielt den Arbeitern eine Rede ,und dann sagte er, in zwei Stunden müsse Strom sein. Die Offiziere kommandierten, und die Soldaten kontrollierten, und die E-Werksarbeiter rannten hin und her und taten gen au das ,was ihnen die Offiziere sagten. Das gab natürlich ein fürchterliches Chaos und keinen Strom.

Da rief der Oberstgewaltige die Offiziere wieder zurück und sagte zu den E-Werksarbeitern: „Wenn nicht in einer halben Stunde Strom ist, werdet ihr alle erschossen!" Und siehe da, nach einer halben Stunde war Licht. Da sagte der Oberstgewaltige: „Seht ihr, ihr Bande, man muss euch nur richtig Beine machen!" und zog mit seinen Soldaten zum Gaswerk, um es dort genauso zu machen.

Aber am nächsten Tag gab es wieder keinen Strom, und als der Oberstgewaltige wütend mit einer Kompanie seiner speziell ausgebildeten Mördersoldaten anrückte, um alle E-Werksarbeiter auszurotten, war das E-Werk leer, und die E-Werksarbeiter und E-Werksangestellten hatten sich in den Fabriken und Büros unter die Leute gemischt.

Da gab der Oberstgewaltige seinen Soldaten den Befehl, einfach tausend Leute von der Straße zusammenzusammeln und zu erschießen.

Aber durch die heimtückische List der Leute von Drüben, immer freundlich zu den Soldaten zu sein, war die Moral der ~Truppe schon so aufgeweicht, dass niemand bereit war, einfach irgendwelche tausend Leute zu erschießen, die gar nichts getan hatten. Da gab der Oberstgewaltige seinen Mördersoldaten den Befehl. Aber seine Offiziere ließen ihn wissen, dass die gewöhnlichen Soldaten schon sehr unzufrieden wären und es vielleicht sogar eine Meuterei geben könnte, wenn die tausend Leute erschossen würden.

Und der Oberstgewaltige kriegte Briefe von den Mächtigen zu Haus~, die ihm schrieben: „Oberster der Gewaltigen! Sie haben Ihre Feldherrengabe und Ihr militärisches Genie bewiesen, und wir beglückwünschen Sie zu Ihren zahllosen, glänzenden Siegen. Doch bitten wir Sie nun, wieder zurückzukommen und diese Verrückten von Drüben sich selbst zu überlassen. Sie kosten uns zu viel. Wenn wir hinter jeden Arbeiter einen Soldaten mit einer Maschinenpistole stellen müssen, der ihn mit Erschießen bedroht, und einen Ingenieur, der ihm sagt, was er zu tun hat, dann lohnt sich das ganze Erobern irgendwie nicht mehr. Bitte, kommen Sie nach Hause, denn zu lange hat unser geliebtes Land schon Ihre glänzende Gegenwart entbehrt."

Da packte der Oberstgewaltige seine Armee zusammen, ließ an wertvollen Maschinen und anderen Kostbarkeiten mitgehen, was seine Truppen transportieren konnten, und fuhr fluchend wieder nach Hause.

„Aber gezeigt haben wir's ihnen", knurrte er. „Diese Feiglinge. Was werden sie jetzt tun, die Narren! Wie werden sie jetzt feststellen, wer ein Ingenieur ist, wer ein Arzt, wer ein Tischler? Ohne Zeugnisse und Diplome! Wie werden sie regeln, wer in der Villa wohnen soll und wer in der Mietwohnung, wenn keiner beweisen kann, was ihm gehört? Wie werden sie sich zurechtfinden, ohne Besitzurkunden, ohne Strafregister und Führerscheine, ohne Titel und Uniformen? Was für ein Durcheinander werden sie haben! Und das alles nur, damit sie nicht mit uns Krieg führen müssen, diese Feiglinge."

   
 

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