Martin Auer: Der seltsame Krieg, Geschichten für die Friedenserziehung

   
 

Die zwei Gefangenen

Please share if you want to help to promote peace!

Der Träumer
Der blaue Junge
Auf dem Karottenplaneten
Angst
Noch einmal Angst
Die seltsamen Leute vom Planeten Hortus
Als die Soldaten kamen
Zwei Kämpfer
Mann gegen Mann
Der Krieg auf dem Mars
Der Krieg zwischen Sonne und Mond - und wie er beendet wurde
Der Sklave
Die guten Rechner
Der seltsame Krieg
Arobanai
Sternenschlange
Stau
Frieden beginnt bei dir selbst
Die zwei Gefangenen
Gerechtigkeit
Die verhexten Inseln
Geld
Im Krieg
Geschichte von einem guten König
Bericht an den Rat der Vereinten Sonnensysteme
Offene Worte von einem Europäer
Die Bombe
Vorwort
Kommentar des Autors
Download (Alle Geschichten in einer druckerfreundlichen Datei)
Wie kommt der Krieg in die Welt?
Gästebuch
Über den Übersetzer/die Übersetzerin
Über den Autor
Mail for Martin Auer
Lizenz
Creative Commons licence agreement

Einmal saßen einige Freunde von Herrn Balaban beisammen, da sagte einer: "Wir sind doch alle arme Hunde. Wir sollten einen Verein gründen, um uns gegenseitig zu helfen."

"Lasst mich in Ruhe mit Vereinen", sagte ein anderer. "Wenn jeder sich selbst hilft, dann ist allen geholfen."

Eine Weile stritten die Freunde, ob das wahr sei, was der letzte gesagt hatte. Dann fragten sie Herrn Balaban nach seiner Meinung.

"Manchmal stimmt es, denke ich, und manchmal stimmt es nicht. Es kommt immer darauf an, wie die Handlungen der Menschen miteinander verknüpft sind. Ich werde euch zwei Geschichten erzählen

Die erste Geschichte ist eigentlich nicht besonders interessant: Ein Mann lebte mit seinen vier Söhnen in der Mitte eines großen Nusswalds. Eines Tages gab er jedem seiner Söhne einen Sack und sagte: "Geht in den Wald und sammelt Nüsse. Du gehst nach Norden, du nach Süden, du nach Osten und du nach Westen. Wenn ihr eure Säcke gefüllt habt, bringt sie in die Vorratskammer und leert sie in den großen Korb, der dort steht. Dann, wenn alle zurück sind, werde ich die Nüsse auf euch aufteilen.
Die vier Burschen, alle schon groß und kräftig, gingen also jeder für sich in den Wald. Jeder sammelte ein paar Nüsse und legte sich dann aufs eine Wiese und dachte sich: 'Ach, was soll ich mich anstrengen, ich bekomme ja doch den Anteil von dem, was meine Brüder sammeln.'

Als alle am Abend heim gekommen waren und der Vater die Nüsse aufteilen wollte, waren da gerade vier Handvoll im Korb, für jeden Bruder eine Handvoll. In diesem Fall wäre es wohl besser gewesen, wenn jeder der vier für sich selbst gesammelt hätte. Dann hätte jeder Bruder sicher einen ganzen Sack voll Nüsse bekommen und es hätte gestimmt, dass allen geholfen ist, wenn jeder sich selbst hilft.

Aber oft sind die Schicksale der Menschen so miteinander verknüpft, dass jeder seinen eigenen Vorteil sucht und dabei den Schaden für sich und die anderen vergrößert."

"Wie kann denn das sein?" fragten die Freunde.

Da gab ihnen Herr Balaban das folgende Rätsel auf:

"In Samarkand wurden einmal zwei Diebe gefangen, die eine Gans gestohlen hatten. Timur Lenk ließ sie in zwei verschiedene Zellen sperren, so dass sie sich nicht miteinander verständigen konnten. Dann ging er zum ersten und sagte: ‘Höre, ihr zwei habt eine Gans gestohlen, dafür gebühren euch 20 Stockhiebe. Es ist nicht angenehm, aber man überlebt es. Nun weiß ich aber sicher, ihr habt nicht nur diese Gans gestohlen, sondern auch zwei goldene Becher aus meinem Palast. Dafür könnte ich euch hinrichten lassen. Das hätte für mich nur einen Nachteil: Ich würde so meine goldenen Becher nicht wiederbekommen. Ich könnte das Geständnis aus euch herausfoltern, aber ich habe mir etwas anderes ausgedacht. Pass genau auf: Wenn du den Diebstahl der Becher gestehst, und verrätst, wo ihr sie versteckt habt, dann lasse ich nur deinen Komplizen hinrichten, dich aber lasse ich laufen. Ihm werde ich freilich dieselbe Möglichkeit bieten. Wenn er gesteht, und du nicht, dann lasse ich ihn laufen, und du wirst hingerichtet. Es könnte natürlich sein, dass ihr beide gesteht. In diesem Fall könnte ich natürlich keinen von euch laufen lassen. Aber ich würde gnädig sein und jedem von euch nur die rechte Hand abhacken lassen.’

‘Und wenn keiner von uns gesteht?’ fragte der Gefangene, der übrigens wirklich mit seinem Komplizen gemeinsam auch die Becher gestohlen hatte.

‘Nun’, sagte Timur, "dann würde es bei den 20 Stockschlägen für die gestohlene Gans bleiben.’

Was", fragte Herr Balaban seine Freunde, "sollte der Gefangene eurer Meinung nach tun?"

"Und sie können sich nicht miteinander verständigen?"

"Nein", sagte Herr Balaban, "Timur hat darauf geachtet, dass sie sich auf keine Weise verständigen können."

"Er sollte den Mund halten und darauf vertrauen, dass sein Kumpel auch nichts sagt", sagte einer.

"Wie kann er darauf vertrauen", sagte ein anderer. "Es ist ganz sicher, dass sein Kumpel gestehen wird."

"Warum denn das?"

"Weil es für den Kumpel auf jeden Fall besser ist, zu gestehen. Pass auf, nennen wir die zwei Ahmed und Bülent. Also: Wenn Ahmed gesteht, ist es für Bülent besser, auch zu gestehen, sonst wird er hingerichtet. Wenn Ahmed nicht gesteht, ist es für Bülent auch besser, zu gestehen, denn dann wird er freigelassen. Also weiß Ahmed, dass Bülent gestehen wird. Also wird auch Ahmed gestehen, denn sonst wird er hingerichtet. Sollte es aber sein, dass Bülent nicht gesteht, umso besser für Ahmed, denn dann wird er freigelassen."

"Ja, aber das Ergebnis ist, dass beiden die Hand abgehackt wird. Wo sie doch beide mit zwanzig Stockschlägen hätten davonkommen können."

So debattierten sie noch stundenlang, aber sie konnten zu keinem anderen Ergebnis kommen.

"Und das eben habe ich gemeint", sagte Herr Balaban. "Indem sie ihren eigenen Vorteil suchen, vergrößern sie den Schaden für beide."

"Aber was hätten sie denn tun sollen, deiner Meinung nach?"

"Sie hätten miteinander reden sollen und sich gegenseitig versprechen, zu schweigen", sagte Herr Balaban.

"Aber du hast doch gesagt, sie können nicht miteinander reden!"

"Sie hätten eben einen Wärter bestechen sollen, damit er Briefe oder Botschaften hin- und herträgt. Sie hätten meinetwegen einer Maus einen Zettel an den Schwanz binden sollen oder einen dressierten Papagei von Zelle zu Zelle fliegen lassen. Sie hätten alles versuchen sollen, um sich miteinander zu verständigen, denn wenn die Menschen es nicht schaffen, sich zu verständigen, dann wird es immer so bleiben, dass sie den Vorteil für sich suchen und dabei den  Schaden für alle vergrößern."

   
 

Die Inhalte dieser Seiten sind durch registrierte Benutzer selbst veröffentlicht worden. Wenn Sie etwas bemerken, das nach Spam oder Missbrauch aussieht, kontaktieren Sie bitte den Autor.