Martin Auer: Der seltsame Krieg, Geschichten für die Friedenserziehung

   
 

Vorwort

Der Träumer
Der blaue Junge
Auf dem Karottenplaneten
Angst
Noch einmal Angst
Die seltsamen Leute vom Planeten Hortus
Als die Soldaten kamen
Zwei Kämpfer
Mann gegen Mann
Der Krieg auf dem Mars
Der Sklave
Die guten Rechner
Der seltsame Krieg
Arobanai
Sternenschlange
Stau
Frieden beginnt bei dir selbst
Die zwei Gefangenen
Gerechtigkeit
Die verhexten Inseln
Geld
Im Krieg
Geschichte von einem guten König
Bericht an den Rat der Vereinten Sonnensysteme
Offene Worte von einem Europäer
Die Bombe
Vorwort
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Wie kommt der Krieg in die Welt?
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Für eine eingehende theoretische Auseinandersetzung mit dem Thema lesen Sie bitte auch "Wie kommt der Krieg in die Welt?"

Seit ich Bücher für Kinder schreibe, war es mir immer ein wichtiges Anliegen, das schwierige Thema „Krieg und Frieden" in einer für Kinder verständlichen Form zu behandeln. Mir scheint, dass es nicht genügt, den Kindern zu erzählen, dass Krieg schrecklich und Frieden viel schöner ist. Obwohl das natürlich schon ein Fortschritt ist gegenüber einer Jugendliteratur, die Soldatentum und Kriegstaten verherrlicht, die es ja auch gegeben hat. Aber die meisten Kinder in unseren Breiten wissen, dass Krieg etwas Schreckliches und Frieden viel schöner ist. Aber ist Frieden möglich? Oder ist der Krieg nicht ein unvermeidliches Schicksal, das immer wieder über die Menschen kommt? Lehrt uns nicht der Geschichtsunterricht ebenso wie die täglichen Abendnachrichten, dass es Krieg immer und überall auf der Welt gegeben hat und gibt? Kultur des Friedens, Verständnis für die anderen, friedliche Beilegung von Konflikten - das ist alles schön und gut: Aber was ist, wenn die anderen nicht wollen?

Ich kann mir nicht vorstellen, wie wir den Krieg aus dem Leben der Menschheit verbannen können, wenn wir nicht nach den Ursachen forschen, die den Krieg hervorbringen. Erst, wenn man die Ursachen einer Krankheit erkennt, kann man sie gezielt und wirkungsvoll bekämpfen. 

Ich habe zwar mein Geschichtsstudium an der Uni nur geschwänzt, aber für mich zu Hause habe ich das Studium der Geschichte bis heute fortgesetzt, weil mich als Schriftsteller natürlich immer die Frage beschäftigt, was denn das Tun und Denken der Menschen bestimmt. Aber natürlich kann ich nicht behaupten, dass ich den Stein der Weisen gefunden habe und in meinen Geschichten restlos erklären könne, was denn die Ursachen des Krieges sind. Und ich kann auch kein fertiges Rezept zur Vermeidung künftiger Kriege vorlegen. Aber die Geschichten wollen doch mehr sein als sogenannte „Denkanstöße". Die Dichter wollen immer nur Denkanstöße geben, aber irgendwann muss ja auch mal jemand zu denken beginnen. Die Geschichten, die ich hier gesammelt habe, wollen eine Richtung vorschlagen, in der man weiterdenken könnte, sie wollen ein Gefühl dafür vermitteln, wo und wie nach den Ursachen des Krieges geforscht werden könnte.

Die Geschichte "Der Träumer" entstand während einer Workshopwoche im Ötztal, die die Kulturinitiative "Feuerwerk" zum Thema "Frei wie Wind und Wolken" veranstaltete. Ich schrieb dort mit den Kindern ein "Wind- und Wolkenbuch". 

"Der blaue Junge" schrieb ich für die ZDF-Kinderserie "Siebenstein". Ich schrieb die Geschichte kurz nach der "Wende" 1989, als die ganze Welt von einer kurzfristigen Friedenseuphorie befallen war. Als die Geschichte in Buchform erschien, hatten wir bereits den ersten Golfkrieg erlebt. In dieser Geschichte geht es um die seelische Verhärtung, die Angst bewirken kann. Die Pointe der Geschichte ist nicht, dass der Junge am Schluss sein Gewehr wegwirft, sondern warum er es wegwirft. "Du könntest dein Gewehr ja wegwerfen", genügt nicht. Erst muss Hoffnung auf Veränderung da sein.

Auf dem Karottenplaneten zeigt, wie ein bestimmtes System des Zusammenlebens eine Eigendynamik entwickeln kann, so dass es sehr schwer wird, etwas daran zu ändern, und sogar die, die durch das System eigentlich benachteiligt werden, zu seinen Verteidigern werden.

Angst ist ein Beispiel dafür, wie wir oft unsere Vernunft nicht dazu gebrauchen, herauszufinden, wie die Wirklichkeit ist, sonder nur dazu, unsere Wünsche oder Triebe, unsere Furcht oder unseren Hass zu rechtfertigen. Die Fähigkeit des Menschenwesens, sich selbst zu belügen, ist eine seiner erstaunlichsten Eigenschaften. Im Unterricht möchten Sie vielleicht noch mehr Beispiele mit Ihren SchülerInnen suchen.

Dieselbe paranoide Logik, die in Angst gezeigt wird, wird auch in Noch einmal Angst dargestellt, doch diesmal auf der Ebene des Staates.

In Die seltsamen Leute vom Planeten Hortus geht es nicht um Moral sondern schlicht und einfach um die Kosten des Kriegführens. 

Als die Soldaten kamen zeigt in verdichteter Form, die schon kleinere Kinder verstehen können, dass es im Krieg dem Wesen nach um Eroberung und Ausbeutung geht, und nicht um Unterschiede in der Kultur oder der Religion, oder um Interessenskonflikte.
Zwischen egalitären Gesellschaften kann es Konflikte um Ressourcen geben, zum Beispiel um Land oder um Wasser. Diese Konflikte können gelöst werden. Entweder auf gewaltsame Art: Eine der beiden konkurrierenden Gruppen wird verjagt oder ausgerottet, oder beide Gruppen dezimieren einander, so lange bis die Ressourcen für die vorhandene Bevölkerung wieder ausreichen. Oder auf friedliche Art: Indem neue Ressourcen erschlossen werden oder vorhandene Ressourcen effektiver genutzt werden. Doch wie auch immer: Konflikte um Ressourcen können gelöst werden. Diese Konflikte sind endlich.
Doch hierarchische Gesellschaften, die darauf aufgebaut sind, dass eine Minderheit über eine Mehrheit herrscht und sich einen Teil des Arbeitsprodukts dieser Mehrheit aneignet, solche Gesellschaften entwickeln einen ständigen Drang zur Expansion: Je größer die beherrschte Bevölkerung, um so mehr Ressourcen kann sich die herrschende Minderheit aneignen, und kann sie wiederum in die Vergrößerung des beherrschten Gebiets investieren. Und da sie in Konkurrenz zu anderen hierarchischen Gesellschaften steht, ist sie auch gezwungen, nach der ständigen Vergrößerung des beherrschten Gebiets zu streben, um nicht ins Hintertreffen zu geraten. Bei diesen Eroberungen geht es nicht um Land, sondern um Menschen, die man als Sklaven ausbeuten kann, denen man einen Teil ihres Arbeitsprodukts in Form von Tribut oder Steuern abnehmen kann, bzw. es geht um die Beherrschung von Märkten, die ja auch wiederum aus Menschen bestehen.

"Der Krieg auf dem Mars" ist ein Versuch zu zeigen, wie die Tatsache, dass jeder seine - eigentlich harmlosen - Eigeninteressen verfolgt, zu Ergebnissen führen kann, die keiner gewollt hat.
Wenn ich die Geschichte erzähle, unterbreche ich meistens nach "Wir hätten vielleicht doch unseren Marschall kündigen sollen!" sagten die Moffer. Ich sage: "Was kann jetzt noch passieren außer puiiiii -WUMM!" Ich lasse das ein paar Sekunden einsinken, dann nehme ich die Geschichte wieder auf und erzähle den glücklichen Ausgang, der im wirklichen Leben ja nicht sehr wahrscheinlich wäre.
Wenn ich die Kinder frage, wer denn jetzt eigentlich für das ganze Schlamassel verantwortlich war, gibt es meistens sehr spannende Diskussionen. Wen immer die Kinder nennen - ich verteidige ihn und zeige, dass er gute Gründe für sein Handeln - oder Nichthandeln - hatte. Ich frage die Kinder: Was für einen Unterschied hätte es gemacht wenn sich einer der Bauern geweigert hätte, die Armee mit Kartoffeln zu beliefern? Jemand anderes hätte das Geschäft gemacht und der friedliebende Bauer müsste mit seiner Familie sogar hungern. Wenn er nichts bewirken kann, hat er dann nicht recht, so zu handeln wie es für seine Familie am besten ist? Was kann also die Lösung sein?
In Frieden beginnt bei dir selbst wird diese Frage behandelt.

Auch in Der Sklave geht es darum, wie es geschehen kann, dass Menschen sich Systeme schaffen, zu deren Gefangenen sie dann selber werden.

Ich schrieb Die guten Rechner nachdem ich das Buch Die Logik kollektiven Handelns (The Logic of Collective Action) des Ökonomen Mancur Olson gelesen hatte. In diesem Buch zeigt der Autor dass es theoretisch unmöglich ist, dass eine große Gruppe von Individuen, die rational im Eigeninteresse handeln (das ist das beliebte Modell der modernen Wirtschaftslehre, der homo economicus) für ein gemeinsames Anliegen zusammenarbeitet, und zwar sogar dann, wenn jeder einzelne weiß, dass es für alle besser wäre, wenn alle für dieses Anliegen arbeiten. Er zeigt auch, dass es für kleinere Gruppen leichter ist, für ein gemeinsames Anliegen zusammenzuarbeiten, als für sehr große Gruppen.

Der seltsame Krieg zeigt eine mögliche Form des passiven Widerstands. Welche Art des Widerstands möglich ist, hängt freilich von den Zielen der Angreifer ab. Wenn es den Angreifern darum geht, das andere Volk auszurotten, wird diese Form des Widerstands nicht möglich sein. Doch die meisten Kriege werden geführt, um Völker zu unterwerfen, nicht um sie auszurotten.

Arobanai schildert das Leben der BaMbuti ("Pygmäen") im Kongo als Beispiel für die Lebensweise von Sammler- und Jägergesellschaften. Sie beruht auf den Forschungen von Colin Turnbull ("The Forest People"). Alle bekannten Sammler- und Jägergesellschaften sind egalitär, mit sehr schwachen oder gar keinen Anführern. Sie führen keine Kriege, denn mehr Land zu erobern würde ihnen keine Vorteile bringen. Sie könnten es nicht "bewirtschaften". Es kann vorkommen, dass sie mit einer benachbarten Gruppe um eine Ressource kämpfen, wie zum Beispiel einen Baum, der reich an Honig wilder Bienen ist.
Dass sie keine Kriege führen, heißt nicht, dass sie nicht gewalttätig sein können. Der Verhaltensforscher Irenäus Eibl-Eibesfeldt hat darauf hingewiesen, dass die Khoi ("Buschmänner") der Kalahariwüste zwar keine Kriege führen, aber eine extrem hohe Mordrate haben. Doch das belegt nur die Theorie, dass die Ursache von Kriegen nicht die gewalttätige Natur des Individuums ist, sondern die Struktur der Gesellschaft.

Sternenschlange ist die Geschichte eines jungen aztekischen Kriegers und die Geschichte der Entstehung des Aztekenreiches.
Die zwei Texte Arobanai und Sternenschlange stellen eine der friedlichsten und liebevollsten Gesellschaften die je auf dieser Erde gelebt haben einer der grausamsten und kriegerischsten gegenüber. Die beiden Geschichten sollten zusammen gelesen werden. Die Aufgabe der SchülerInnen sollte sein, den Aufbau der beiden Gesellschaften und die verschiedenen Lebensbereiche miteinander zu vergleichen. Was ist die wirtschaftliche Grundlage der beiden Gesellschaften? Wie werden die Güter verteilt? Wie wird die Arbeit zwischen den Mitgliedern der Gesellschaft aufgeteilt? Wie sieht die vorherrschende Moral aus? Wie werden die Kinder und jungen Leute erzogen und ausgebildet? Welche Ideale lehrt man sie? Und schließlich: Wie ist es möglich dass Angehörige der selben Spezies Mensch sich so sehr in ihren Gefühlen, Gedanken, Werten und Handlungen unterscheiden können?

Frieden beginnt bei dir selbst wurde durch die Verkehrssituation in Beirut angeregt. Aber natürlich ist der Straßenverkehr hier nur ein Beispiel für soziale Verwicklungen. Wenn man die Worte "Frieden beginnt" in irgendeine Suchmaschine einträgt, bekommt man erstaunlich viele Seiten von der Sorte: "Frieden beginnt bei dir selbst", "Frieden beginnt vor der Haustür". Aber was ist der nächste Schritt?
Der Philosoph Karl Popper hat vor revolutionären Veränderungen gewarnt. Er schlug eine Politik der kleinen Schritte vor, eine "Technik des schrittweisen Umbaus der Gesellschaftsordnung". Er argumentierte, dass soziale Experimente in kleinem Rahmen nicht so viel Unheil anrichten könnten und leichter rückgängig gemacht werden könnten, wenn sie fehlschlügen. Er sagte aber nicht, wie klein oder wie groß die Schritte sein sollten. Meiner Meinung nach übersah er, dass soziale Systeme dazu neigen, sich in einem relativen Gleichgewichtszustand zu stabilisieren. Wenn man eine Kugel auf den Boden einer Schüssel legt und sie ein wenig anstößt, wird sie etwas zum Rand hinauf rollen und dann wieder zurückkommen. Wenn man sie ein bisschen stärker anstößt, wird sie ein bisschen weiter die Wand hinaufrollen, aber dennoch wieder zurückkommen. Es bedarf eines bestimmten Minimums an Kraft, um die Kugel über den Rand zu stoßen. Jeder kleinere Kraftaufwand bleibt ohne dauerhaftes Ergebnis.
Nehmen wir das Beispiel eines Stadtrats, der eine "üble Gegend" der Stadt verbessern will. Die Straßen sind dort mit Abfall übersät, also lässt der Stadtrat Abfallkörbe aufstellen. Aber vergeblich. Fast niemand benützt sie.
Warum?
Wenn man in einer "anständigen Wohngegend" eine Bananenschale auf den Gehsteig fallen lässt und einen jemand sieht, dann wird derjenige einen vielleicht ansprechen und mehr oder weniger höflich ersuchen, doch in Zukunft den Abfallkorb zu benützen. Vielleicht hebt sogar jemand die Bananenschale auf und wirft sie selber in den Abfallkorb. In einer "anständigen Gegend" macht eine Bananenschale auf dem Gehsteig einen großen Unterschied, und jeder Bewohner der "anständigen Gegend" möchte, dass die Gegend anständig bleibt.
In dem "üblen Stadtviertel" macht eine Bananenschale mehr auf dem Gehsteig überhaupt keinen Unterschied. Und die Bananenschale in den Abfallkorb zu werfen, macht auch keinen Unterschied. Wozu sich also die Mühe machen?
Wenn man also will, dass die Menschen die Abfallkörbe benutzen, muss man erst einmal die Straßen säubern und allen Abfall entfernen, damit eine Bananenschale im Abfallkorb auch wirklich einen Unterschied macht. Wahrscheinlich wird man auch eine Aufklärungskampagne machen müssen, denn die Leute sind schon lange daran gewöhnt, ihren Abfall auf die Straße zu werfen. Sie werden irgendwie übereinkommen müssen, dass saubere Straßen gut für ihre Gesundheit sind. Vielleicht haben sie ja auch noch größere Probleme als Abfall, denn das "üble Stadtviertel" ist oft ein armes Stadtviertel.
Die schlechte Nachricht ist, dass Situationen, in denen Menschen für ein gemeinsames Anliegen zusammenarbeiten gewöhnlich weniger stabil sind als solche, in denen jeder für sich selbst sorgt. Ein einziger nachlässiger Dreckfink wird das Gleichgewicht einer "anständigen Gegend" nicht zerstören. Aber wenn 10% oder 20% der Bewohner nachlässig werden und ihren Dreck auf die Straße schmeißen, wird der Rest der Bevölkerung vielleicht bald aufgeben und ebenfalls nachlässig werden, oder das Viertel verlassen. 10% oder 20% der Bewohner können eine "anständige Gegend" ruinieren. Wenn aber 10% oder 20% der Bewohner der dreckigen Straße anfangen, die Abfallkörbe zu benutzen, wird das noch nicht einmal auffallen und es wird ihnen nicht gelingen, die Straße zu einer sauberen Straße zu machen, wenn sie nicht auch aktiv versuchen, ihre Nachbarn zu überzeugen.

Die zwei Gefangenen behandelt eine Situation, die in der Spieltheorie "Gefangenendilemma" genannt wird. Es ist ein klassisches Modell dafür, wie das durchaus rationale Streben nach dem größtmöglichen Vorteil für einen selbst zu einem Ergebnis führen kann, das allen schadet, einen selbst mit eingeschlossen. So lange man sich an die Bedingungen des Modells hält, dass die zwei Gefangenen nicht kommunizieren können, gibt es keine Lösung.

Gerechtigkeit habe ich für einen Kongress über Kinderbücher in Israel im Jahr 2001 geschrieben. "Gerechtigkeit" ist ein mehrdeutiger Begriff und wird oft missbraucht. Was ist eine gerechte Verteilung von Gütern? Jedem zu geben, was ihm oder ihr zusteht? Oder jedem zu geben, was er oder sie für ein annehmbar gutes Leben braucht? Wie entscheidet man, was jemandem zusteht? Und wer entscheidet?
Und wenn jemand ein Verbrechen begeht, was ist eine gerechte Strafe? Auge um Auge, Zahn um Zahn? Soll man einen Mörder töten? Einen Vergewaltiger vergewaltigen? Und was tut man mit Massenmördern? Man kann einen Menschen nur einmal töten. Für die Mörder meiner Großeltern, die im Holocaust umgebracht wurden, könnte es niemals eine "gerechte" Strafe geben. Und für meinen Vater, der überlebt hat, hätte es niemals eine "gerechte" Entschädigung geben können. Mein Vater hat niemals nach Gerechtigkeit oder Rache gestrebt. Sein Ziel im Leben war zu verstehen, was geschehen war und wie es geschehen konnte und wie etwas Ähnliches in der Zukunft verhindert werden könnte.

Die verhexten Inseln: Was macht einen König zum König? Irgend eine Eigenschaft, mit der er geboren wurde? Irgendwelche Fähigkeiten, die er erlernt hat? Nein, bloß die Tatsache, dass andere ihn als König anerkennen. Was macht Geld zu Geld? Irgend eine Eigenschaft des Materials, aus dem es gemacht ist? Die Buchstaben und Zahlen, die darauf gestempelt sind? Nein, bloß die Tatsache, dass Menschen es als Geld anerkennen. Viele Wörter die ein bestimmtes Ding zu bezeichnen scheinen, bezeichnen in Wirklichkeit ein bestimmtes Verhalten der Menschen. Der Satz: "Dieses Paar Schuhe kostet 20 Euro" scheint eine Eigenschaft der Schuhe zu beschreiben. Aber das ist nicht so: Jemand verlangt 20 Euro, jemand bezahlt 20 Euro. Der Preis ist keine Eigenschaft der Schuhe sondern ein bestimmtes menschliches Verhalten. Ein "Preis" oder ein "Gesetz" oder ein "Land" ist nur Ausdruck von bestimmten Spielregeln, so wie ein "Trumpf" oder ein "Royal Flush". Wird ein Royal Flush immer ein Full House schlagen? Ja, solange wir Poker spielen. Entscheiden wir uns aber, Bridge zu spielen, verlieren Wörter wie "Royal Flush" jede Bedeutung, auch wenn wir immer noch dieselben 52 Karten in der Hand halten.

Geld handelt von wirtschaftlicher Eroberung. Das, was hier beschrieben wird, hat sich so ähnlich mehr als einmal in der Geschichte des Kolonialismus abgespielt. Die Geschichte versucht auch den rätselhaftesten Aspekt des Geldes zu erklären: Warum kriegt man überhaupt etwas dafür? Alle früheren Formen von Geld sind relativ leicht zu verstehen: Menschen waren bereit, nützliche Dinge für Geld einzutauschen, weil die Dinge, die als Geld benutzt wurden, selber nützlich waren. Ob Kakaobohnen, Kaurischalen, Kamele, Kupfer, Silber oder Gold: Man wusste, dass man diese Dinge für praktisch alles eintauschen konnte, weil fast jeder sie brauchen konnte. Man konnte das "Geld" essen oder melken oder darauf reiten oder es zu Werkzeugen oder zu Schmuck verarbeiten. Alles, was viele Menschen haben wollen, kann als Geld dienen, als Tauschmittel. Heutzutage akzeptieren die Menschen wertloses Papiergeld (Nein, die Bank garantiert nicht, einem Gold dafür zu geben! Das ist lange her!), weil sie es brauchen, um die Steuern zu zahlen. Das ist das simple Geheimnis.

Im Krieg zeigt, dass der Krieg viele Seiten hat, die anziehend sind für Jungen und Männer, sogar für Mädchen und Frauen. Wenn es nicht so wäre, wäre es viel schwieriger, die Männer (und Jungen und Frauen und Mädchen) dazu zu bringen, in die Schlacht zu marschieren.

Die Geschichte von einem guten König habe ich 2010 in Korea geschrieben. Ich nahm an einem Treffen von Autoren und Illustratoren aus der ganzen Welt teil. Sie alle hatten zu einer Sammlung von Friedensgeschichten beigesteuert und waren zusammengekommen, um die Veröffentlichung des Buchs zu feiern. Es wurde viel über die Macht der Liebe und die Bedeutung von Toleranz und Freundschaft gesprochen. "Wenn Menschen gemeinsam singen und tanzen werden sie später nicht gegeneinander kämpfen" lautete ein Redebeitrag, der viel Applaus bekam. Ich widersprach nicht gerne, aber ich musste es tun, denn es stimmt leider gar nicht. Wie oft ist es schon passiert, dass Menschen, die gute Freunde und Nachbarn waren sich plötzlich auf verschiedenen Seiten der Front wiederfanden! Obwohl Freundschaft, Toleranz und Liebe unverzichtbare Werte sind, genügen sie leider nicht. Wir müssen unsere Kinder auch kritisches Denken und eine analytische Weltsicht lehren. Wir müssen verstehen und unseren Kindern helfen zu verstehen, dass große Gruppen von Menschen sich anders verhalten als einzelne Menschen. Staaten fangen nicht an, miteinander zu kämpfen, weil sie einander nicht mögen. Man kann das Verhalten von Staaten oder Stämmen, von Firmen oder Religionsgemeinschaften nicht mit Psychologie erklären. Denn solche Organisationen sind aus vielen Individuen zusammengesetzt, deren Psychologie, Weltsicht und Interessen sich untereinander unterscheiden und die nur ein begrenztes Wissen darüber haben, was die anderen Mitglieder der Gruppe vorhaben. Das Verhalten der Gruppe wird durch das Verhalten aller ihrer Mitglieder bestimmt, doch das Ergebnis kann sich von allem unterscheiden, was jedes einzelne Mitglied der Gruppe angestrebt hatte. Als ein weiteres Beispiel habe ich diese Geschichte geschrieben.

Bericht an den Rat der vereinten Sonnensysteme ist vielleicht das, was der Blaue Junge erkannt hat in den Jahren, in denen er durchs Fernrohr den blauen Planeten studierte.
Yer ist übrigens Türkisch und bedeutet Erde. Nin ist Japanisch und bedeutet Mensch oder Person. Wojna ist Polnisch und bedeutet natürlich Krieg.
Die erste Fassung dieser Geschichte schrieb ich auch bei jener Workshopwoche im Ötztal, bei der die Kinder sich von mir Geschichten wünschen durften. Ein Mädchen, das zufällig den gleichen Nachnamen trägt wie ich und mit Vornamen Nina heißt, brachte mir damals einen Zettel auf dem stand: "Martin bitte sag mir, warum es den Krieg gibt." Die Geschichte beruht unter anderem auf den Forschungen von Lewis Mumford ("Der Mythos der Maschine"), aber natürlich auch auf meinen eigenen Überlegungen. Früher war ich der Meinung, dass es eine Zeit gegeben hat, wo die Menschen den Krieg überhaupt nicht kannten. Als ich bei Jane Goodall von einem Krieg unter Schimpansen las, musste ich diese Meinung revidieren. Auch in der Epoche der Sammlerinnen und Jäger* konnte es geschehen, dass eine Gruppe neue Jagdgründe suchen musste und dabei einer anderen ins Gehege kam. Doch mit der Vertreibung der einen Gruppe war der Krieg vorbei. Er konnte vorkommen, aber er war kein entscheidender Bestandteil der Kultur. Erst die Entwicklung der Landwirtschaft in Form von Ackerbau oder Viehzucht gab den Menschen die Möglichkeit, Vorräte anzulegen, so dass sie überhaupt die Zeit für Kriegszüge hatten, und auf Seiten der Opfer waren diese Vorräte etwas, das man rauben konnte, ohne die Beraubten dadurch unbedingt zu vernichten. Der Krieg wurde zu einer ständigen Einrichtung, weil er ein Mittel war, die Überschüsse kleinerer Menschengruppen zusammenzufassen und in Maßnahmen zu investieren, die eine Erhöhung der Produktivität zur Folge hatten, also die Erzeugung von noch mehr Überschüssen, die wieder in den Fortschritt investiert werden konnten usw. Und zwar ein weit effektiveres Mittel, als es etwa Verhandlungen und freiwillige Zusammenschlüsse gewesen wären. Dabei ist nicht so entscheidend, was die Motivation der einzelnen Machthaber und Krieger war. In der Natur entstehen Eigenschaften wie, sagen wir,  Hörner durch zufällige Mutation. Ob die Hörner erhalten bleiben oder verschwinden hängt davon ab, ob sie ihren Trägern einen Fortpflanzungsvorteil bieten oder hinderlich sind. Ein Häuptling mag einen Krieg anfangen aus Hass auf die Nachbarn, aus Geltungsdrang, aus religiösen Gründen, aus purem Übermut, aus aufgestauter Aggressivität, aus sexueller Frustration, was auch immer. Aber als ständige Einrichtung erhalten bleiben kann der Krieg, weil er die Zusammenfassung der Menschen in großen Reichen befördert und so die Zusammenfassung ihrer Überschüsse ermöglicht, weil er zweitens einem großen Teil dieser Menschen mehr an Überschüssen abverlangt, als sie freiwillig bereit wären, in die gemeinsame Sache oder in die Zukunft zu investieren, weil er also letztlich den „Fortschritt" in Gestalt der Erhöhung der Produktivität der menschlichen Arbeit befördert. Der Vorteil für die Gesellschaft muss allerdings kein Vorteil für das Individuum sein. Eine Gemeinschaft von 500 freien Bauernfamilien wird glücklicher gewesen sein als ein Heer von 100.000 Bauernfamilien unter der Herrschaft eines Kriegerhäuptlings. Doch die Hauptstadt mit Tempeln und Priesterschulen, wo der Lauf der Sterne erforscht wurde, konnte sich nur das Reich des Kriegerhäuptlings leisten.
Die Aggression, zu der Menschen fähig sind, ist sicher eine Voraussetzung dafür, dass überhaupt Kriege geführt werden können, aber sie ist nicht ihre Ursache. Waren die jungen Männer in Österreich-Ungarn 1914 etwa aggressiver als, sagen wir, 1880? Oder ist der Kaiser auf seine alten Tage aggressiv geworden? Oft muss die Aggressivität der Menschen und ihr Hass auf die Nachbarn erst geschürt werden, damit sie bereit sind, in den Krieg zu ziehen oder ihre Kinder ziehen zu lassen. Oft muss aber die Aggressivität der Soldaten auch gezügelt werden. Während man auf der einen Seite für bestimmte Spezialeinheiten Menschen zu Berserkern erzieht, braucht eine moderne Armee in erster Linie Menschen, die diszipliniert sind und verlässlich funktionieren, also sich möglichst wenig von Emotionen leiten lassen. So wichtig alle Erziehungsmaßnahmen sind, die dem Abbau von Aggressionen dienen, dem Verständnis für fremde Kulturen, der Fähigkeit zur friedlichen Konfliktlösung im Privaten - die Ursachen des Kriegs können sie nicht beseitigen. Die industrielle Marktwirtschaft, die heute das Zusammenleben der Menschen auf unserem Planeten beherrscht, ist wie keine andere Gesellschaftsform vorher auf die Erhöhung der Produktivität aus, darauf, noch mehr Güter mit noch weniger Arbeit zu erzeugen und die Überschüsse sofort wieder in die Steigerung der Produktion und der Produktivität zu investieren. Das führt nicht nur dazu, dass wir bald an die Grenze dessen stoßen, was der Planet ökologisch verkraften kann. Hier liegt auch die Wurzel neuer Kriege. Man sagt, dass die Kriege der Zukunft um knapper werdende Ressourcen geführt werden könnten, z.B. um Wasser. Das ist denkbar. Doch ebenso denkbar ist es, dass die künftigen Kriege zwischen den großen Wirtschaftsblöcken geführt werden, und es darum gehen wird, wer wem etwas verkaufen darf.
Um künftige Kriege zu vermeiden, müssen sich 7 Milliarden Menschen - und bald werden es 8 und 9 Milliarden sein - auf neue Formen des Wirtschaftens und des Zusammenlebens einigen. Nicht mehr die ständige Steigerung der Produktivität darf das Ziel sein - mit immer weniger Arbeit immer mehr zu erzeugen; nicht der Austausch von Dingen darf der Hauptinhalt zwischenmenschlichen Handelns sein; die Tatsache, dass die Dinge mit immer weniger Arbeit hergestellt werden können, darf  nicht dazu führen, dass immer mehr Dinge hergestellt werden, sondern dass die Menschen die freiwerdende Zeit dazu benutzen können, soziale („Dienst"-)Leistungen miteinander auszutauschen: Kunst, Unterhaltung, Pflege, Heilung, Unterricht, Forschung, Sport, Philosophie...

Wenn jedes Werkzeug auf Geheiß, oder auch vorausahnend, das ihm zukommende Werk verrichten könnte, wie des Dädalus Kunstwerke sich von selbst bewegten, oder die Dreifüße des Hephästus aus eigenem Antrieb an die heilige Arbeit gingen, wenn so die Webschiffe von selbst webten, so bedürfte es weder für den Werkmeister der Gehilfen, noch für die Herren der Sklaven.

Aristoteles

Wären wir nicht eigentlich soweit?

   
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