Martin Auer: Der seltsame Krieg, Geschichten für die Friedenserziehung

   
 

Geld

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„Und, was soll das nun sein, dieses Geld?“ Der alte Kitunda drehte das kleine Papierstück zwischen seinen Fingern.

„Es ist etwas, was die Fremden sehr schätzen“, sagte sein Sohn. „Der Agent sagt, wenn man viele, viele dieser Papierstücke hat, dann gilt man als ein reicher Mann.“

„Das kommt mir ziemlich dumm vor“, sagte der alte Kitunda. „Wenn man viele Kühe hat und viele Felder mit Mais und Yam, ein hübsches Haus und viele Kinder – dann ist man reich. Wozu soll ein Haufen Papierstücke gut sein? Kann man Papier essen? Kann man es anziehen oder darin wohnen?“

„Nun, der Agent sagt, dass man es in alles verwandeln kann. Man kann es in ein Haus verwandeln oder in eine Kuh oder in schöne Kleider, wie sie die Fremden tragen.“

„Dann ist es etwas Magisches?“

„Nein. Man kann einfach diese Papierstück gegen alles eintauschen, was man will. Wenn du ein schönes Haus siehst, kannst du dem Besitzer einige Papierstücke anbieten und ihn bitten, es dir zu überlassen. Wenn er dir das Haus nicht geben will, bietest du ihm mehr Papierstücke an. Irgendwann wird er dir das Haus geben, wenn du ihm bloß genug Papierstücke dafür bietest. Zumindest hat es mir der Agent so erklärt.“

„Dann muss es wirklich sehr starke Magie sein. Vielleicht macht die Magie, dass der Besitzer des Hauses die Fähigkeit verliert, klar zu denken?“

„Nein, das ist es nicht. Der Besitzer des Hauses kann das Geld wieder für etwas anderes eintauschen. Vielleicht für eins von diesen Autos, mit denen die Fremden fahren, oder für ganz viel Essen oder für ein anderes Haus. Deswegen lässt er dir sein Haus im Tausch für das Geld. Mit dem Geld kann er woanders hingehen und ein Haus kaufen und dort wohnen. Du kannst ein Haus nicht mit dir tragen.“

„Aber wenn er auch dumm genug ist ein Haus für Papierstücke herzugeben, wie kann er wissen dass er jemanden anderen findet, der genau so dumm ist und wertvolle Dinge für Papierstücke hergibt?“

„Ich weiß es wirklich nicht, Vater. Aber der Agent sagt, jeder weiß, dass Geld wertvoll ist und deshalb sind alle bereit, Dinge für Geld herzugeben.“

Der alte Kitunda schüttelte den Kopf. „Und der Agent, er hat dir dieses Geld gegeben?“

„Ja. Er hat mir gesagt, ich sollte zurück ins Dorf kommen und allen jungen Männern sagen, dass sie auf der Baumwollplantage arbeiten sollen. Und dafür hat er mir Geld gegeben. Und er hat gesagt, für jeden Mann, der kommt, um zu arbeiten, wird er mir mehr Geld geben.“

„Er will also, dass die Männer auf der Plantage für ihn arbeiten und dafür will er ihnen Geld geben?“

„Nun, die Plantage gehört ihm nicht. Sie gehört seinem Boss. Und sein Boss wird uns das Geld geben.“

„Sie wollen also, dass ihr geht und Baumwolle pflückt für wertlose Papierfetzen. Und wer wird sich um deine Kühe kümmern? Wer wird auf deinen Feldern arbeiten und den Mais und die Yamwurzeln ernten?“

„Der Agent sagt, mit dem Geld, das uns sein Boss geben wird, können wir mehr Mais und Yams kaufen als wir von unseren Feldern ernten.“

„Und was ist, wenn er lügt? Wie könnt ihr wissen, wie viel so ein Stück Papier wirklich wert ist?“

„Ich weiß es nicht, Vater.“

Der alte Mann grübelte eine Weile. „Wenn du mit jemandem Handel treibst, musst du wissen, was das Ding wert ist, das du hergibst, und was das Ding wert ist, das du bekommst. Du kennst doch die Waldleute. Sie pflanzen keinen Mais und keine Yams an. Stattdessen bringen sie uns getrocknetes Fleisch und wilden Honig aus dem Wald und wir tauschen das ein für Mais und Yams. Du weißt, was der alte Ekianga sagt, wenn er glaubt, dass ich ihm zu wenig Mais für sein Fleisch anbiete. Er sagt: ‚Ach, schau doch, ich habe so lange gebraucht um diese Antilope zu jagen. Wenn du mir so wenig Mais dafür gibst, lohnt es sich für mich nicht für dich zu jagen. Da wäre ich besser dran, wen ich mein eigenes Feld anlegen würde!’ Aber wenn er zu viel Mais verlangt, dann sage ich zu ihm: ‚Ach, komm, es ist so viel Arbeit, das Feld zu hacken und den Mais zu bewässern und zu ernten und zu trocknen. Wenn du mir so wenig Fleisch für den Mais gibst, dann geh ich doch lieber selber in den Wald zum Jagen!’

Kitundas Sohn lachte: „Ich weiß, wie ihr zwei immer schachert. Und ich weiß, welche Gründe du anführst!“

„Und es stimmt auch. Wenn wir sehen, dass die Waldleute zu fett werden, dann wissen wir, dass wir ihnen zu viel Mais für ihr Fleisch geben, und wenn sie meinen, dass wir zu fett werden, dann wissen sie, dass sie uns zu viel Fleisch für unseren Mais geben. Du siehst, im großen und ganzen gleicht es sich aus und wir tauschen den Wert einer Tagesarbeit im Feld gegen den Wert einer Tagesarbeit im Wald aus. Aber mit diesem Geld – ich weiß gar nicht, wie es gemacht wird und ich kenne den Mann nicht, der es herstellt. Wie sollte ich wissen, oder auch nur erraten, wie viele Stücke Papier man an einem Tag machen kann?“

„Dasselbe habe ich den Agenten auch gefragt. Er hat gesagt, dass die Banknoten in der großen Stadt von Maschinen gemacht werden und dass sie in einer Stunde viele tausend machen können.“

„Wenn sie so viele in so kurzer Zeit machen können, dann sind diese Papierstücke überhaupt nichts wert. Nicht einmal ein einziges Maiskorn! Hör auf mich, mein Sohn: Geh nicht auf die Plantage arbeiten. Arbeite auf deinen eigenen Feldern und dir und deiner Familie wird es gut gehen. Ihr werden viel zu essen haben und alle werden sehen, dass du ein wohlhabender Mann bist und sie werden dich achten und respektieren.“

Kitundas Sohn sagte: „Ich werde es mir überlegen, Vater.“

Kitundas Sohn besuchte seinen Nachbarn und zeigte ihm das Geld, das der Agent ihm gegeben hatte: „Da, schau dir das an. Die Fremden nennen das Geld. Was gibst du mir dafür?“

Der Nachbar lachte: „Dafür? Gar nichts. Wenn ich so etwas brauche, dann pflücke ich ein Blatt vom nächsten Busch. Du weißt schon, wofür...“

Also ging Kitundas Sohn zu seinem anderen Nachbarn: „Hör zu, meiner Frau ist das Salz ausgegangen. Kannst du mir etwas Salz geben? Ich gebe dir dieses Geld dafür.“

Der andere Nachbar sagte: „Schau, ich gebe dir gern etwas Salz, weil wir Freunde sind. Du kannst es mir zurückgeben, sobald du kannst, oder du kannst mir ein paar Kassavawurzeln dafür geben. Aber was soll ich mit diesen Papierstücken?“

„Nun, die Fremden würden es dir für irgendetwas, was du brauchst, eintauschen. Für ein bisschen Zucker zum Beispiel oder für ein hübsches Stück Baumwollstoff.“

„Ich habe so etwas gehört, ja. Aber ich traue dieser Sache nicht. Schau, wenn ich eine Ziege habe, weiß ich, dass ich sie immer für irgend etwas anderes eintauschen kann, denn jeder Mensch braucht Milch und muss gelegentlich ein Stück Fleisch essen. Aber wer garantiert mir, dass ich jemanden finde, der wertlose Stücke Papier braucht?“

Kitundas Sohn ging durchs ganze Dorf aber niemand wollte für sein Geld etwas eintauschen und niemand wollte mit ihm zur Plantage gehen um dort zu arbeiten. Also ging er auch nicht dorthin sondern bearbeitete seine eigenen Felder, wie es sein Vater und sein Großvater getan hatten, und seine Frau und seine Kinder waren gesund und wohlgenährt und er wurde von den anderen Dorfbewohnern geachtet.

In der Stadt an der Küste, wo die Schiffe der Fremden die Güter entluden, die die Fremden den Einwohnern verkaufen wollten, und die Baumwolle und das Kupfer und die Diamanten einluden, die die Fremden in ihrem Land jenseits des Meeres brauchten, rief der Gouverneur seine Berater zu einer Besprechung zusammen.

„Wir haben Probleme“, erklärte er. „Der Handel mit dem Mutterland läuft nicht so gut, wie er sollte. Dieses Land ist ideal für die Baumwollzucht, es ist voll von Kupfer und Diamanten. Aber wir können nicht genug Arbeiter für die Minen und Baumwollfarmen finden.“

„Und wo liegt der Grund dafür?“ fragte der Präsident der Handelskammer. „Es leben hier so viele Menschen. Was machen die den ganzen Tag?“

„Es scheint, dass sie damit zufrieden sind auf ihren eigenen Feldern zu arbeiten, ein bisschen Mais und Bananen anzupflanzen und ein paar Kühe und Ziegen zu halten“, sagte der Vorsitzende des Landwirtschaftsausschusses.

„Sie sind nichts als ein Haufen Faulpelze“, sagte der Kommandeur der Kolonialtruppe. „Wir sollten einfach Zwangsarbeit einführen!“

„Hmm, nun ja. Das Problem scheint zu sein, dass sie einfach nicht daran interessiert sind, für Geld zu arbeiten“, sagte der Vorsitzende des Landwirtschaftsausschusses.

„Und warum glauben Sie, dass sie nicht an Lohnarbeit interessiert sind?“ fragte der Präsident der Handelskammer.

„Weil sie das Prinzip des Geldes nicht verstehen. Sie glauben, dass es nur wertlose Papierstücke sind.“

„Nun ja, es sind wertlose Papierstücke“, sagte der Präsident der Handelskammer lachend. „Ich wundere mich manchmal selber, wie das funktioniert. Ich wette, die Leute hier messen ihr Vermögen noch immer in Kühen und Ziegen.“

„So ist es“, sagte der Vorsitzende des Landwirtschaftsausschusses.

„Auf gewissen Weise haben sie ja recht. Bei Kühen weiß man, woran man ist. Man kann immer jemanden finden, der Fleisch essen oder Milch trinken will, und wenn man die Kuh nicht eintauschen kann, kann man sie immer noch selber essen. Bei Gold ist es auch so, man kann es als Schmuck tragen oder sich falsche Zähne daraus machen lassen. Aber wir können die Leute natürlich nicht in Kühen bezahlen. Wissen Sie, als ich auf der Universität war, hat uns unser Professor gesagt: „Alles kann Geld sein, wenn die Menschen glauben, dass es Geld ist.“

„Und was können wir also tun, damit sie glauben dass unser Geld Geld ist?“ fragte der Gouverneur.

Der Präsident der Handelskammer überlegte: „Die jungen Männer wollen nicht für Geld arbeiten, weil die Bauern ihnen für das Geld kein Essen geben. Und die Bauern nehmen das Geld nicht an, weil die Handwirker ihnen für das Geld keine Töpfe und Hacken geben. Und so weiter...“

„Dann brauchen wir ein Gesetz, das sie zwingt Geld anzunehmen wenn jemand etwas kaufen will“, sagte der Kommandeur der Kolonialtruppen.

„Das ist nicht so leicht“, sagte der Vorsitzende des Landwirtschaftsausschusses. „Sie würden ihre Waren bloß verstecken und sagen, dass sie nichts zu verkaufen haben. Wir wissen, dass das in anderen Ländern passiert ist. Wir können ja nicht jeden die ganze Zeit kontrollieren. Nein, wir müssen sie irgendwie überzeugen, dass sie Geld brauchen, dass der Handel und die Wirtschaft ohne Geld nicht blühen können.“

„Es sollte nicht so schwer sein, sie zu überzeugen“. Der Vorstand des Finanzausschusses sprach zum ersten Mal.

„Und wie soll das gehen?“ fragte der Gouverneur?

„Wir können sie zwar nicht zwingen, Geld anzunehmen, aber wir können sie zwingen, uns

Geld zu geben. Wir verlangen, dass jeder jedes Jahr eine gewisse Summe als Steuer zahlen muss. Es ist leicht zu kontrollieren, ob jemand Steuer einmal im Jahr seine Steuer bezahlt hat oder nicht. Und die Steuer muss in unserem Papiergeld bezahlt werden. So werden alle genötigt sein, sich irgendwie dieses Geld zu beschaffen. Und sie werden bereit sein, für Geld zu arbeiten und Waren gegen Geld einzutauschen. Wir werden die Arbeiter haben, die wir brauchen, und werden ihnen unsere Waren verkaufen können.“

„Ein großartiger Gedanke!“ sagte der Gouverneur, und der Präsident der Handelskammer und der Vorsitzende des Landwirtschaftsausschusses klatschten Beifall.

„Und wenn sie nicht zahlen, marschieren sie in Gefängnis“ fügte der Kommandeur der Kolonialtruppen hinzu, und dieses Mal applaudierten die anderen auch ihm.

„Also“, sagte der alte Kitunda, „jetzt haben sie uns da, wo sie uns wollten!“

Die jungen Männer waren bereit, zur Plantage aufzubrechen.

„Mach dir keine Sorgen, Vater“, sagte Kitundas Sohn. „Ich werde das Geld verdienen um die Steuer für dich und für Mutter und für meine Frau zu bezahlen. Unserer Familie wird nichts passieren.“

„Ja. Aber unserer Felder werden brachliegen, weil uns eure starken Arme fehlen werden. Wir werden niemals mehr selber für uns sorgen können, wir werden vom Geld der Fremden abhängig sein und davon, ob sie uns für sich arbeiten lassen oder nicht.“

Der alte Kitunda umarmte seinen Sohn. „Ich hoffe, dass ich noch am Leben sein werde, wenn du von der Plantage zurückkommst, damit ich dich begrüßen kann. Aber vielleicht mag ich auch gar nicht mehr länger leben. Weißt du, als sie das erste Mal hier auftauchten, wollten einige von uns gegen sie kämpfen. Aber erst jetzt haben sie uns wirklich besiegt. Nichts wird mehr so sein wie früher.“

Und die jungen Männer marschierten davon.

   
 

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